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Assessment Center: so bereitest du dich auf jede einzelne Übung vor

Selbstpräsentation, Gruppendiskussion, Postkorb und Rollenspiel: was im Assessment Center bewertet wird und wie du dich auf jede Übung gezielt vorbereitest.

8 Min. Lesezeit
Illustration for Assessment Center: so bereitest du dich auf jede einzelne Übung vor

Die Einladung klingt harmlos: "Wir würden Sie gern zu unserem Auswahltag einladen, bitte planen Sie zwei Tage ein." Dann googelst du, was dich erwartet, und findest Postkorb, Gruppendiskussion, Rollenspiel und Fallstudie. Genau an dieser Stelle steigt bei den meisten der Puls.

Das muss nicht sein. Ein Assessment Center ist kein Charaktertest, sondern ein Verfahren mit einer festen Dramaturgie. Wer die Dramaturgie kennt, kann sie üben. Dieser Text geht die Übungen einzeln durch und zeigt dir an konkreten Beispielen, was ein guter Beitrag von einem schwachen unterscheidet.

Was dich zahlenmäßig erwartet

Das Merkblatt "Assessment Center (AC) und worauf es ankommt" des Hochschulteams Karlsruhe-Rastatt der Bundesagentur für Arbeit (Stand Februar 2021) beschreibt den Rahmen sehr nüchtern: Das Verfahren dauert in der Regel ein bis zwei Tage, die Bewerbergruppe besteht meist aus vier bis acht Teilnehmenden, und die Zahl der Firmenvertreter ist laut demselben Merkblatt ähnlich groß. Diese Firmenvertreter treten in verschiedenen Rollen auf, als Beobachter, Moderator und Beurteiler, und verhalten sich dabei bewusst mal passiv, mal aktiv.

Historisch kommt das Ganze aus dem Militär. Dieselbe Quelle datiert die Ursprünge auf 1920, als das Verfahren zur Auswahl von Offizieren der Reichswehr entwickelt wurde. In den 1950er Jahren übernahmen es die USA für die Personalauswahl, seit den 1970er Jahren nutzen es in Deutschland vor allem große Firmen für Nachwuchs- und Führungskräfte.

Wie verbreitet ist es? Die bislang breiteste Erhebung dazu ist die Studie "Recruiting Trends 2017" von Kienbaum und dem Staufenbiel Institut mit 297 befragten Unternehmen. Dort gaben 98 Prozent an, das klassische Vorstellungsgespräch zu nutzen, 87 Prozent Telefoninterviews und 53 Prozent Assessment Center. Übersetzt heißt das: Du wirst dem Verfahren nicht in jeder Bewerbung begegnen, aber bei Trainee-Programmen, im öffentlichen Dienst und in großen Konzernen führt kaum ein Weg daran vorbei.

Ein Detail, das dir die Nervosität nehmen kann, steht ebenfalls in dem Merkblatt der Bundesagentur: Ob sich aus dem Verfahren tatsächlich ableiten lässt, wer der beste Kandidat ist, wird laut BA in der Fachwelt durchaus kontrovers diskutiert. Du trittst also nicht vor ein unfehlbares Messinstrument.

Die Übungen, die fast immer vorkommen

Das BA-Merkblatt listet als typische Bausteine die Vorstellungsrunde, die Präsentation, die Gruppendiskussion, die Organisationsübung, das Rollenspiel, den sogenannten Postkorb, das Interview, Persönlichkeitstests und das Abschlussgespräch. Welche davon vorkommen, hängt von der Dauer ab.

Die Deutsche Bahn beschreibt auf ihrer Karriereseite db.jobs den eigenen Ablauf ähnlich: Ein Assessment Center gehört dort fest zum Auswahlprozess für Trainees und enthält typischerweise Interviews, Gruppendiskussionen oder Präsentationen. Bei sicherheitsrelevanten Berufen wie Lokführerin oder Fahrdienstleiter kommt danach noch eine Tauglichkeitsuntersuchung, bei der unter anderem Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit sowie logisches Denken geprüft werden.

Bewertet wird laut dem BA-Merkblatt entlang von drei Achsen: deine Fähigkeiten, also Kenntnisse, Erfahrungen und berufsbezogene soziale Kompetenzen, deine Motivation, also Engagement, Begeisterungsfähigkeit und Lernbereitschaft, und deine Persönlichkeit, also die Frage, ob du zur Firma und zum Team passt.

Die Selbstpräsentation: ein Skript, das du abwandeln kannst

Fast jedes AC startet mit einer Vorstellungsrunde von zwei bis drei Minuten. Das ist die einzige Übung, die du wortwörtlich vorbereiten kannst, also tu es. Die Bundesagentur empfiehlt in ihrer Checkliste ausdrücklich, den Werdegang umgekehrt chronologisch zu schildern und in kurzen, klaren und prägnanten Sätzen zu sprechen.

Nimm als Beispiel Nils, 26, Wirtschaftsingenieur-Absolvent aus Bochum, der sich auf ein Logistik-Trainee bewirbt:

"Guten Morgen, ich bin Nils Bergmann, 26 Jahre alt, aus Bochum. Zuletzt habe ich meinen Master Wirtschaftsingenieurwesen an der Ruhr-Universität abgeschlossen, mit einer Abschlussarbeit über die Taktung von Wareneingängen in einem Zentrallager. Für die Arbeit habe ich sechs Wochen lang die Anlieferungen eines Lagers in Herne ausgewertet und am Ende einen Vorschlag gemacht, der die Wartezeit der Lkw an der Rampe im Testmonat spürbar gesenkt hat. Davor war ich neun Monate Werkstudent in der Disposition bei einem Speditionsbetrieb in Duisburg. Dort habe ich gelernt, wie schnell ein Plan kippt, wenn ein Fahrer ausfällt, und wie man das am Telefon regelt, ohne dass jemand sauer wird. Nebenher habe ich vier Jahre eine Hochschulgruppe mitorganisiert, zuletzt als Kassenwart mit einem Jahresbudget von rund 6.000 Euro. Ich bewerbe mich hier, weil ich Disposition nicht nur aus der Excel-Perspektive kennenlernen will, sondern in allen Stationen des Trainees. Danke."

Was daran funktioniert: jede Station hat ein Ergebnis, keine Aufzählung von Aufgaben. Der letzte Satz beantwortet die stille Frage aller Beobachter, nämlich warum ausgerechnet hier. Und es sind keine Superlative drin.

Schreib dir deine Version auf, sprich sie dreimal laut mit Stoppuhr und kürze alles, was du beim Vorlesen selbst überspringen willst. Wenn du beim Aufschreiben merkst, dass dir die Ergebnisse fehlen, ist das ein Hinweis für deine Unterlagen insgesamt: Dieselbe Denkweise brauchst du auch im Lebenslauf.

Gruppendiskussion: der Unterschied liegt in einem Satz

Die Gruppendiskussion ist die Übung, in der die meisten sich falsch verhalten, und zwar in beide Richtungen. Wer schweigt, wird nicht bewertet. Wer die ganze Zeit redet, wird als Dampfwalze notiert.

Die Deutsche Bahn formuliert ihre Erwartung auf db.jobs erstaunlich klar: aktiv mitdiskutieren, Argumente finden und die eigene Position deutlich vertreten, gleichzeitig die anderen ausreden lassen und auf ihre Ideen eingehen, und am Ende die Ergebnisse für alle sichtbar auf Folie, Flipchart oder Tafel festhalten. Das BA-Merkblatt sagt dasselbe in einem Satz: viel kommunizieren, aber auf die Mitstreiter eingehen.

Konkret sieht der Unterschied so aus. Angenommen, die Gruppe soll entscheiden, welche von fünf Filialen geschlossen wird.

Schwacher Beitrag: "Ich finde auch, dass Filiale C weg soll, die Zahlen sind ja eindeutig."

Starker Beitrag: "Zwei Argumente sprechen für C, der Umsatz pro Quadratmeter und der auslaufende Mietvertrag. Anna hat aber vorhin auf die Stammkunden hingewiesen, und das würde ich gern festhalten, bevor wir abstimmen. Sollen wir die zwei Kriterien kurz gewichten, damit wir in zehn Minuten ein Ergebnis haben?"

Der zweite Beitrag macht drei Dinge auf einmal: Er nennt Gründe, er verknüpft sich sichtbar mit dem Beitrag einer anderen Person, und er schlägt ein Verfahren vor. Genau das lässt sich als soziale Kompetenz ankreuzen.

Postkorb: sortieren, nicht abarbeiten

Im Postkorb bekommst du zwanzig oder mehr Vorgänge und viel zu wenig Zeit. Das ist Absicht. Laut dem BA-Merkblatt ist die Vielzahl der Aufgaben, die nur unter Hochdruck in knapper Zeit zu lösen sind, im AC-Konzept genau so angelegt, weil deine Stressresistenz geprüft werden soll.

Der Fehler ist, oben anzufangen und der Reihe nach abzuarbeiten. Sortiere stattdessen erst und begründe hinterher. Ein Beispiel aus einer typischen Aufgabenmappe:

  1. Der Kunde Meier droht schriftlich mit Kündigung, Frist heute 16 Uhr. Selbst erledigen, sofort. Frist plus Eskalationsrisiko.
  2. Ein Mitarbeiter meldet sich krank, seine Schicht beginnt in zwei Stunden. Delegieren an die Schichtleitung, sofort informieren. Zeitkritisch, aber nicht deine Rolle.
  3. Einladung zu einer Fachmesse in vier Monaten. Terminieren, nächste Woche entscheiden.
  4. Rechnung mit Zahlenfehler, fällig in zehn Tagen. Delegieren an die Buchhaltung mit kurzer Notiz.
  5. Der Geschäftsführer bittet um eine Einschätzung bis Freitag. Selbst erledigen, aber nach Punkt 1 einplanen.
  6. Die Kaffeemaschine im Aufenthaltsraum ist defekt. Weiterleiten, keine eigene Zeit investieren.

Wichtig ist nicht, dass du dieselbe Reihenfolge wählst wie die Beobachter. Wichtig ist, dass du beim Nachgespräch in einem Satz sagen kannst, nach welcher Logik du sortiert hast. Frist vor Wichtigkeit, eigene Zuständigkeit vor fremder, und alles, was ein anderer schneller kann, wandert weg.

Rollenspiel: du spielst niemanden

Im Rollenspiel übernimmst du typischerweise die Rolle einer Führungskraft oder Servicekraft, und ein Firmenvertreter spielt den schwierigen Gegenpart. Die Versuchung ist, die Rolle zu überzeichnen. Das BA-Merkblatt rät genau davon ab: nicht in eine Rolle schlüpfen, die nicht zu dir passt, sondern bei sich bleiben.

Praktisch heißt das, mit einer Frage zu beginnen statt mit einer Lösung. "Was genau ist bei der Lieferung schiefgelaufen?" bringt dich weiter als ein sofortiges Angebot. Und wenn die andere Seite laut wird, senkst du dein eigenes Tempo, statt mitzuziehen.

Deine Rechte, und was die Pausen wirklich sind

Zwei Dinge übersehen fast alle.

Erstens die Qualitätsnorm. Die DIN 33430 formuliert Anforderungen an berufsbezogene Eignungsdiagnostik; ihre aktuelle Fassung wurde laut dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen 2016 veröffentlicht. Der Verband beschreibt als einen Zweck der Norm ausdrücklich den Schutz der Kandidatinnen und Kandidaten vor unsachgemäßer oder missbräuchlicher Anwendung von Verfahren zur Eignungsbeurteilung. Du darfst also fragen, welche Verfahren eingesetzt werden und ob du eine Rückmeldung zu deinen Ergebnissen bekommst.

Zweitens das Geld. Nach § 670 BGB ist der Auftraggeber zum Ersatz von Aufwendungen verpflichtet, die der Beauftragte den Umständen nach für erforderlich halten darf. Auf die Einladung zu einem Auswahlverfahren übertragen bedeutet das: Fahrt und, bei einem zweitägigen AC, auch Übernachtung sind grundsätzlich erstattungsfähig, unabhängig davon, ob du die Stelle bekommst. Viele Unternehmen schränken das im Einladungsschreiben ein oder deckeln den Betrag, deshalb lies die Einladung genau, bevor du das teure Flexticket buchst.

Und die Pausen sind keine Pausen. Die Checkliste der Bundesagentur nennt Small Talk ausdrücklich als etwas, das man üben sollte, weil es auch in den Pausen, beim gemeinsamen Essen und bei Begegnungen außerhalb der AC-Bühne darauf ankommt.

Ein Plan für die letzte Woche

Die Bundesagentur empfiehlt in ihrer Checkliste für die Zeit vor dem AC vier Dinge: einen Ratgeber mit Übungen durcharbeiten, mit vertrauten Personen oder Beratern über das Verfahren sprechen, sich intensiv mit Website und Infomaterial der Firma befassen und den eigenen Werdegang so parat haben, dass man ihn jederzeit darstellen kann.

Ergänzend, falls du gerade arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht bist: Mehrere Agenturen für Arbeit bieten eigene AC-Workshops an. Die Agentur für Arbeit Herford beschreibt ihren so, dass eine Psychologin oder ein Psychologe zusammen mit der Berufsberatung typische Übungen durchspielt und individuelle Rückmeldung gibt; die Teilnahme ist dort laut Ausschreibung kostenlos, eine Anmeldung ist wegen begrenzter Plätze nötig.

Was ich mir für die letzten sieben Tage vornehmen würde: Montag das Skript für die Selbstpräsentation schreiben, Dienstag und Mittwoch je einen Postkorb mit Stoppuhr sortieren, Donnerstag die Geschäftsberichte und Pressemitteilungen des Unternehmens lesen und daraus drei eigene Fragen ableiten, Freitag die Selbstpräsentation mit jemandem üben, der ehrlich ist. Am Vorabend nichts mehr.

Und falls es nicht klappt: Ein AC bewertet dein Verhalten an einem einzelnen Tag in einer künstlichen Situation, beobachtet von Menschen, die dich nicht kennen. Die Bundesagentur erinnert in ihrem Merkblatt daran, dass auch du eine Entscheidung triffst, und stellt die Frage, ob dir die Firmenvertreter sympathisch sind und ob du dort wirklich einsteigen willst. Diese Frage lohnt sich, und zwar am selben Abend, solange der Eindruck noch frisch ist.

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