Arbeitszeugnis entschlüsseln: Die Geheimcodes, die dein Chef nicht erklärt
Dein Arbeitszeugnis klingt positiv? Vielleicht nicht. Hier sind die versteckten Codes der Zeugnissprache und wie du sie entschlüsselst.
Laddro Team

Dein Arbeitszeugnis klingt auf den ersten Blick großartig. Aber ein Personaler liest etwas völlig anderes als du.
In Deutschland hat sich seit dem 19. Jahrhundert eine eigene Sprache entwickelt: die sogenannte Zeugnissprache. Sie klingt immer positiv, auch wenn sie vernichtend ist. Das liegt an der gesetzlichen Vorgabe: Ein Arbeitszeugnis muss nach § 109 der Gewerbeordnung (GewO) wohlwollend formuliert sein und darf den Beschäftigten nicht offen kritisieren. Gleichzeitig muss es der Wahrheit entsprechen.
Das Ergebnis: Ein ausgeklügeltes System von Codes und Abstufungen, das für Laien fast unmöglich zu durchschauen ist.
Die Notenskala
Jedes Arbeitszeugnis enthält Leistungsbewertungen, die wie Schulnoten funktionieren:
Note 1 (sehr gut): „...stets zu unserer vollsten Zufriedenheit." Das Wort „stets" plus „vollste" ist die Höchstnote.
Note 2 (gut): „...stets zu unserer vollen Zufriedenheit." Ohne das Extra „vollste", aber mit „stets": Note 2.
Note 3 (befriedigend): „...zu unserer vollen Zufriedenheit." Kein „stets" mehr. Das klingt immer noch positiv, ist aber nur Durchschnitt.
Note 4 (ausreichend): „...zu unserer Zufriedenheit." Ohne „voll" und ohne „stets". Klingt harmlos, ist aber eine schlechte Bewertung.
Note 5 (mangelhaft): „...hat sich bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden." Wer sich „bemüht" hat, hat es nicht geschafft.
Die versteckten Codes
Laut Rechtsanwälten für Arbeitsrecht und Portalen wie Zeugnisprofi, Haufe und Karrierebibel gibt es Formulierungen, deren Bedeutung sich erst beim zweiten Lesen offenbart:
„Er war stets bemüht..." Übersetzung: Er hat es versucht, aber nicht geschafft. Eine der bekanntesten Negativformulierungen.
„Sie erledigt alle Aufgaben ordnungsgemäß und pflichtbewusst." Klingt solide. Bedeutet aber: Sie macht nur das Nötigste, ohne Eigeninitiative.
„Er hat alle Aufgaben zu unserer Zufriedenheit erledigt." Ohne „vollen" oder „vollsten" ist das Note 4, also unterdurchschnittlich.
„Wir wünschen ihr für die Zukunft alles Gute und viel Erfolg." Erfolg wünschen bedeutet in der Zeugnissprache: Sie hatte bisher keinen.
„Er war bei Kollegen beliebt." Kann heißen: Er hat mehr geplaudert als gearbeitet.
„Sie hat sich im Rahmen ihrer Fähigkeiten eingesetzt." Übersetzung: Ihre Fähigkeiten waren begrenzt.
Was gesetzlich verboten ist
Nach § 109 GewO darf ein Arbeitszeugnis keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, die den Zweck haben, eine andere als die aus der äußeren Form oder dem Wortlaut ersichtliche Aussage zu treffen. Also genau diese Geheimcodes.
In der Praxis sind sie trotzdem weit verbreitet, weil sie schwer nachzuweisen sind. Ein Rechtsanwalt für Arbeitsrecht kann beurteilen, ob dein Zeugnis versteckte Negativbewertungen enthält.
Dein Recht auf Korrektur
Laut Arbeitsrecht hast du Anspruch auf ein korrektes, wohlwollendes Zeugnis. Wenn du Formulierungen findest, die du für negativ codiert hältst, kannst du eine Korrektur verlangen. Wichtig: Der Anspruch auf Korrekturen kann laut Rechtsprechung nach fünf bis fünfzehn Monaten verfallen, je nach Gericht und Umständen.
So prüfst du dein Zeugnis
- Lies die Leistungsbeurteilung und ordne sie der Notenskala zu. Fehlen „stets" und „vollste"?
- Such nach Bemühungsformulierungen. Jedes „bemüht", „versucht" oder „im Rahmen seiner Fähigkeiten" ist ein Warnsignal.
- Prüfe den Schlusssatz. Wird dir Erfolg gewünscht, statt Erfolg bestätigt?
- Vergleiche die Länge. Ein auffällig kurzes Zeugnis für eine lange Beschäftigung kann ein Signal sein.
- Lass es von einem Profi prüfen. Viele Anwälte für Arbeitsrecht bieten eine günstige Erstberatung an.
Warum das wichtig ist
In Deutschland ist das Arbeitszeugnis nach wie vor eines der wichtigsten Bewerbungsdokumente. Personaler lesen es professionell und kennen die Codes. Ein Zeugnis mit versteckten Negativbewertungen kann deine Jobsuche sabotieren, ohne dass du es merkst.
Wenn du gerade deine Bewerbungsunterlagen zusammenstellst, hilft dir Laddro, den Überblick zu behalten und sicherzustellen, dass deine Unterlagen stimmen.