Die Vier Tage Woche in Deutschland: Kommt sie wirklich?
In Großbritannien funktionierts. In Island auch. Aber was sagen deutsche Unternehmen und Gewerkschaften? Der aktuelle Stand.
Laddro Team

In Großbritannien haben inzwischen zwei große Pilotprojekte stattgefunden. Beim ersten (2022, 61 Unternehmen, 2.900 Beschäftigte) entschieden sich 92% der Unternehmen, die Vier-Tage-Woche dauerhaft beizubehalten. Beim zweiten (2024/2025, 17 Unternehmen, 1.000 Beschäftigte) waren es 100%, alle 17 Unternehmen machten weiter.
Die Daten aus Großbritannien: 65% weniger Krankheitstage, 71% weniger Burnout, 57% weniger Fluktuation. Die Produktivität blieb gleich oder stieg. Diese Ergebnisse wurden von Autonomy Institute und Cambridge University dokumentiert.
Und Deutschland? Hier gibt es jetzt erstmals eigene Daten.
Die deutsche Pilotstudie: 45 Unternehmen im Test
Deutschlands größte wissenschaftliche Studie zur Vier-Tage-Woche fand von Februar bis August 2024 statt. 45 Unternehmen aus verschiedenen Branchen nahmen teil. Begleitet wurde das Pilotprojekt von Prof. Dr. Julia Backmann (Universität Münster) und der Beratung Intraprenör.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert:
Produktivität: Umsatz und Gewinn der teilnehmenden Unternehmen blieben im Vergleich zum Vorjahr unverändert, obwohl weniger gearbeitet wurde. Über 60 Prozent der Unternehmen reduzierten Ablenkungen und optimierten Prozesse, rund die Hälfte veränderte ihre Meeting-Kultur durch kürzere und seltenere Besprechungen.
Wohlbefinden: Die Vier-Tage-Woche führte zu einer signifikant positiven Veränderung der Lebenszufriedenheit, vor allem durch die zusätzliche Freizeit. Die per Smartwatch gemessenen Stresswerte sanken an sechs von sieben Wochentagen. Beschäftigte in der Vier-Tage-Woche schliefen im Schnitt 38 Minuten mehr pro Woche als die Kontrollgruppe.
Fortführung: 30 der 45 Unternehmen wollen das Modell fortführen. 88 Prozent der befragten Beschäftigten können sich vorstellen, weiterhin in diesem Modell zu arbeiten, 68 Prozent wünschen es sich ohne Einschränkung. 20 Prozent der Unternehmen kehrten zur Fünf-Tage-Woche zurück, 10 Prozent waren noch unentschieden.
Im März 2026 fand ein Folgeevent der Hans-Böckler-Stiftung und Friedrich-Ebert-Stiftung mit rund 120 Teilnehmenden statt, um die langfristigen Auswirkungen zu diskutieren.
Wo Deutschland steht
Deutschland hat eine der kürzesten durchschnittlichen Arbeitszeiten in Europa. Die IG Metall hat in einigen Tarifbezirken bereits die 35-Stunden-Woche durchgesetzt. In vielen Branchen sind 37,5 oder 38 Stunden Standard. Von der 40-Stunden-Woche, die in den USA oder UK üblich ist, sind wir bereits entfernt.
Aber die echte Vier-Tage-Woche (100% Gehalt für 80% der Stunden bei gleicher Produktivität) ist in Deutschland noch die Ausnahme. Nach der deutschen Pilotstudie gibt es zwar Bewegung, aber eine flächendeckende Einführung ist noch nicht in Sicht.
Laut einer Analyse des IW Köln aus 2025 steht die Vier-Tage-Woche in der deutschen Wirtschaft vor erheblichen strukturellen Hürden, auch wenn die Nachfrage bei Arbeitnehmern groß ist. Die Bertelsmann Stiftung sieht das Modell hingegen als Chance für den Einstieg in flexiblere Arbeitszeitmodelle.
Was die Gewerkschaften sagen
Die IG Metall hat das Thema auf die Agenda gesetzt. In einigen Tarifverhandlungen wurden Modelle diskutiert, die in Richtung Vier-Tage-Woche gehen: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Aber die Arbeitgeberverbände blockieren weitgehend.
Ver.di und andere Gewerkschaften fordern ähnliche Modelle, vor allem in Branchen mit hoher Belastung (Pflege, Einzelhandel). Die Frage der Arbeitszeitverkürzung ist eines der zentralen Themen in den Tarifverhandlungen 2026.
Warum es in Deutschland schwieriger ist
Der Mittelstand. Deutschlands Wirtschaft ist vom Mittelstand geprägt. Kleine und mittlere Unternehmen haben weniger Spielraum für Arbeitszeitexperimente als Großkonzerne. Wenn ein Team von zehn Leuten plötzlich nur noch vier Tage arbeitet, muss die Arbeit trotzdem erledigt werden, und zusätzliches Personal einstellen können sich viele KMU nicht leisten.
Fachkräftemangel. Paradox: Der Fachkräftemangel könnte die Vier-Tage-Woche sowohl befördern (als Attraktivitätsfaktor für Bewerber) als auch bremsen (weniger Personal bedeutet mehr Arbeit für die verbleibenden Tage). Die Pilotstudie zeigt allerdings, dass die Produktivität durch bessere Prozesse aufgefangen werden kann.
Kulturelle Widerstände. In Deutschland wird Arbeit traditionell über Stunden definiert, nicht über Ergebnisse. Die Idee, dass man in vier Tagen genauso viel schaffen kann wie in fünf, widerspricht dem Verständnis vieler Manager. Dass 20 Prozent der Pilotunternehmen zum alten Modell zurückkehrten, zeigt, dass die Umsetzung nicht in jeder Branche gleich gut funktioniert.
Branchenunterschiede. Die Vier-Tage-Woche eignet sich nicht für alle Branchen gleich gut. In wissensbasierten Berufen, IT und Kreativwirtschaft funktioniert sie besser als in Produktion, Pflege oder Einzelhandel, wo Schichtarbeit und Kundenzeiten die Flexibilität einschränken.
Was das für dich bedeutet
Wenn dir die Vier-Tage-Woche wichtig ist, such gezielt nach Unternehmen, die sie anbieten. Einige schreiben es direkt in die Stellenausschreibung. Andere bieten flexible Modelle, die de facto auf vier Tage hinauslaufen (z.B. komprimierte Arbeitszeit, Freitags frei bei Überstundenabbau).
Alternativ: Verhandel die Arbeitszeit individuell. In Deutschland hast du nach § 8 TzBfG in Unternehmen ab 15 Mitarbeitern das Recht auf Teilzeit. Wenn du auf 32 Stunden reduzierst und diese in vier Tagen arbeitest, hast du deine Vier-Tage-Woche, allerdings mit entsprechend reduziertem Gehalt.
Tipp: Nutze die Ergebnisse der deutschen Pilotstudie als Argument im Gespräch mit deinem Arbeitgeber. Wenn 70 Prozent der teilnehmenden Unternehmen das Modell fortführen und die Produktivität gleich bleibt, ist das ein starkes Signal.
Die Frage ist nicht ob, sondern wann die Vier-Tage-Woche in Deutschland zum Standard wird. In der Zwischenzeit kannst du mit Laddro Unternehmen finden, die schon heute modern arbeiten.